Das Wesentliche erkennen

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren - seine Impulse sind bis heute in der Welt

Es klingt paradox, aber in gewisser Weise war Rudolf Steiner ein unmoderner Avantgardist. Unmodern, weil für ihn das Übersinnliche, das von anderen seiner Zeit als überwunden betrachtet wurde, so selbstverständlich war wie die sichtbare Welt. Und avantgardistisch in seinem unbeirrten visionären Denken und Handeln. Solcherart rückwärtsschauend vorangehend, hat er sich in einem permanenten Spannungsfeld bewegt und oft genug für Anstoß gesorgt. Aber nicht einmal seine schärfsten Kritiker werden bestreiten, dass Rudolf Steiner, der eine selbstzerstörerische Überzeugungsarbeit leistete, bis er buchstäblich zu Tode erschöpft war, wie nur wenig andere für seine Ideenlehre einstand. Wer war dieser leidenschaftlich Getriebene? 

"Fremder im Dorfe"  
Steiners Leben verlief dem ersten Anschein nach zunächst lange Zeit nicht in besonders auffälliger Weise. Er wuchs in einfachen Verhältnissen als ältester Sohn niederösterreichischer Eltern auf. In der ländlichen Abgeschiedenheit verschiedener Dörfer südlich von Wien verbrachte er seine Kindheit in unmittelbarer Nähe zu Bahnhöfen, gleichzeitig umgeben von weitläufigen Wäldern - eine Natur-Technik-Polarität, die er später in seinen autobiographischen Aufzeichnungen "Mein Lebensgang" als prägend beschreiben sollte. In vielerlei Hinsicht war Steiner jedoch schon damals anders als die meisten Menschen seiner Umgebung, und wenn der Eisenbahnersohn, der nicht wirklich zur Landbevölkerung zählte, über seine Kindheit schreibt, er habe sich als "Fremder im Dorfe" gefühlt, klingt frühe Einsamkeit durch. Stärkung fand er in der Familie, die ihn förderte und unterstützte - bis zu einem bestimmten Grad: Was ihn innerlich bewegte, wie etwa die übersinnlichen Wahrnehmungen, die er als Kind hatte, galt es indes auch zuhause besser zu verschweigen, um von der Mutter nicht "dummer Bub" geschimpft zu werden.

Am Beispiel Goethes  
Dumm war Steiner gewiss nicht. Vor allem war er ein leidenschaftlicher Autodidakt. Er studierte in jungen Jahren die Werke Fichtes und Schellings,  Nietzsches und Goethes, und alles, was er verschlang, so erscheint es rückblickend, untersuchte er bereits mit der Idee der Anthroposophie im Hinterkopf. Nicht immer mit Verständnis, aber meistens wohlwollend reagierte das akademische Umfeld darauf. Seinen wissenschaftlichen Arbeiten, wiewohl unkonventionell und stark von seinem individuellen Erkenntnisinteresse geleitet, attestierte man gerade noch die nötige formale Strenge. So stellte man ihm in Weimar am Ende seiner dortigen Tätigkeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften ein gutes Zeugnis aus, ohne recht begriffen zu haben, dass es Steiner schon zu dieser Zeit um mehr ging als um eine bloße Rehabilitierung Goethes als Naturbetrachter, nämlich um die grundsätzliche wissenschaftliche Anerkennung geistig erworbener Naturkenntnisse. Ein eigenes Werk lag förmlich in der Luft, und als Steiner es 1894 unter dem Titel "Die Philosophie der Freiheit" veröffentlichte, waren darin bereits die Grundzüge seiner späteren Lehre von der Anthroposophie erkennbar. Er forderte viel, vor allem aber ein "lebendiges Denken". Er schreibt: "Im Wollen wird die Freiheit geübt; im Fühlen wird sie erlebt; im Denken wird sie erkannt." Steiner ist 33 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt und mit seinem eigenen Dasein in Weimar als 'toter Gelehrter' nicht allzu glücklich.

Die Saat geht auf  
Drei Jahre später ist der "Fremde im Dorfe", der er bis dahin vielerorts, auch in Weimar, geblieben ist, in Berlin gelandet, und jetzt erst, so scheint es, ist er zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Jedenfalls fängt er an, seine Umgebung intensiver als zuvor wahrzunehmen. Erstaunt notiert er über diese Zeit: "Eine vorher nicht vorhandene Aufmerksamkeit für das Sinnlich-Wahrnehmbare erwachte in mir." Steiner ist wie in jeder Phase seines Lebens produktiv. Gibt eine Literaturzeitschrift heraus, unterrichtet an Wilhelm Liebknechts "Arbeiter-Bildungsschule", ist häufiger Gast in der "Freien Literarischen Gesellschaft". Sein Menschen- und Weltbild, basierend im Wesentlichen auf der Dreigliederung von Leib, Seele und Geist, ist innerlich ausgeformt und wartet auf eine Gelegenheit, sich zu entfalten. In der "Theosophischen Gesellschaft" findet Steiner schließlich einen Hafen, an dem er andocken kann. 1902 tritt er ihr bei, wird bald ein unermüdlicher Vortragsreisender und Begründer zahlreicher Zweige der Gesellschaft in ganz Deutschland. (Am 3. November 1908 rief er übrigens in Bielefeld den 36. Ableger dieser Art ins Leben.) Der Rest ist schnell erzählt. Aus der Theosophie wurde die Anthroposophie, Steiner fand eine Reihe herausragender Mitstreiter, und unzählige  Menschen wurden inspiriert. Ärzte, Landwirte, Künstler, Erzieher, Unternehmer  konnten darauf vertrauen, von Steiner  persönlich geschult zu werden. Als er 1925 64-jährig in Dornach (Schweiz) stirbt, wo der von ihm entworfene Wiederaufbau des drei Jahre zuvor niedergebrannten Goetheanums noch unvollendet ist, sind seine Kräfte aufgezehrt, hat er den Menschen, die ihn hören wollten, in geduldiger Wiederholung über Anthroposophie alles gesagt, was er zu sagen  hatte. Was mit einem wie ihm, dem die Freiheit des Menschen höchstes Gut war, im Nationalsozialismus passiert wäre, möchte man sich nicht ausmalen. 10 Jahre lang war die anthroposophische Bewegung unter Hitler verboten. Aber die Impulse, die Rudolf Steiner zeit seines Lebens gegeben hat, sind bis heute in der Welt: In der Landwirtschaft, Kunst, Medizin und vor allem der Pädagogik. Zwei anthroposophische Waldorfschulen gab es in Deutschland 1925, eine jeweils in England und Holland. Heute existieren alleine in Deutschland 222, 998 weltweit.

Lit.: Rudolf Steiner: "Mein Lebensgang"; Christoph Lindenberg: "Rudolf Steiner", Rowohlt, 1992.

Aus Anlass des 150. Geburtstages Steiners wird es auch in Bielefeld eine Reihe von Veranstaltungen geben:   

  • 25.3. Aufführung der Eurythmie Bühnengruppe Berlin: "150 Jahre Steiner"
  • 6.4. Landwirtschaft und Welternährung: Vortrag von Gyso von Bonin
  • 18.5. Wachstum und Gewinn - ein Widerspruch? Aus der Praxis der GLS-Bank (Vortrag von Chr. Lützel)

Alle Veranstaltungen beginnen um 20 Uhr und finden im Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule Bielefeld statt.

Veröffentlicht am 15. März 2011
in der Kategorie Aktuelles von der Rudolf-Steiner-Schule

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